Mittwoch, 11. März 2015

Uganda: Fußball-Hipster wider Willen




Es sind nun schon einige Monate vergangen, seitdem ich das Land verlassen habe. Ich wollte schon lange etwas schreiben, etwas erzählen, das auch anderen Menschen einen besonderen, zugleich alltäglichen Einblick gibt in dieses Uganda, von dem man zunächst kaum weiß, wo es liegen mag. In Afrika, gut. Aber abgesehen von abstrakter, modellbasierter Geographie
Eine Vorstellung lässt sich ohne weiteres kaum erzeugen. Auch mir selbst gelingt dies erst von Zeit zu Zeit, mit wachsendem Abstand. Lange war dort keine Vorstellung, stattdessen ungeordnete Bilder einer subjektiven Realität, die es nachfolgend etwas zu ordnen gilt. Eben um eine Vorstellung erzeugen zu können. Doch auch nicht zu sehr, damit diese Realität nicht in Vergessenheit gerät.

Uganda ist beileibe auch innerhalb Afrikas keine Fußballmacht. Keine WM-Teilnahmen. Selbst beim Afrika-Cup nur 5 Mal dabei, zuletzt 1978. Damals gab es gleichzeitig den größten Erfolg, als man bis ins Finale vorstieß, wo man sich Gastgeber Ghana mit 2:0 geschlagen geben musste. Seitdem blieb Derartiges, unter anderem aufgrund diverser kriegerischer Auseinandersetzungen, ein bloßer Traum, an den man überhaupt erst seitdem sich die Lage beruhigt hat wieder zu denken wagt. Auch bekanntere Spieler gibt es freilich kaum. Ibrahim Sekagya ließe sich höchstens aufführen, der insgesamt sieben Jahre für Red Bull in Salzburg sowie New York verteidigte. Es heißt gar, Lothar Matthäus sei wegen Kritik an seiner Verpflichtung als Assistenztrainer der Österreicher beurlaubt worden. Ein Publikumsliebling eben, wie ihn das Land bis dato allzu selten hervorbringen konnte, wenngleich wie auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zweifelsohne immenses Potential nur darauf wartet, genutzt zu werden.

Ich selbst darf ein Spiel gegen Madagaskar miterleben, das unspektakulär 1:0 gewonnen wird und nicht gerade von Klasse zeugt. In Erinnerung werden eher das Fast-erdrückt-Werden am Einlass und der anschließende Platzsturm bleiben, bei dem sich der Trainer Milutin 'Micho' Sredojević kaum retten konnte vor stolzen Fans, deren Überschwang nach einem solchen Spiel unerreicht bleibt. An der Qualifikation zur Afrikameisterschaft 2015 scheiterte man immerhin denkbar knapp in einer Gruppe mit den kontinentalen Fußball-Größen Togo, Guinea und Ghana. Letztere konnte dabei sogar auswärts bezwungen werden – ein kleines Wunder, ein Funken der Hoffnung in einem Land, das trotz dieses ersten, ernüchternden Blicks, besessen ist vom Fußball.
Die Nationalmannschaft bleibt letztlich nur ein kleines Teilchen der großen Begeisterung. Eine Art von Bonus, dessen Einlösung eines Tages wohl einen endgültigen Wahnsinn einleiten würde. So bleibt Uganda gewissermaßen jenem Modell der ehemaligen Kolonialherren treu, bei dem auf anfängliche Euphorie vor großen Spielen stets eine Enttäuschung folgt, die rückblickend als vorhersehbar eingeschätzt wird, nichtsdestotrotz ein Ärgernis bleibt. Die Menschen wenden sich wieder dem Tagesgeschäft Premier League zu, um beim nächsten Ereignis erneut mehr oder weniger still zu hoffen. Daraus spricht sicher eine gewisse Art der Religiosität, deren integraler Bestandteil (und nicht eben Ende) das Leiden ist.

Platzsturm im Namboole-Stadion
Schon bei einem ersten bewussteren Blick auf die Straßen der Hauptstadt Kampala, den man über Abgase und weitere Reizüberflutungen hinweg tätigt, kann man erste Anzeichen dieser Krankheit namens Fußball entdecken. Die nahezu überall im Sekundentakt verkehrenden Kollektivtaxis sind oftmals mit dem Namen des jeweiligen Lieblingsvereins verziert oder gar einem Lieblingsspieler gewidmet. So fuhr ich tatsächlich einige Male bei „Torres“ mit, um später bei „The Gunners“ einzusteigen. In einem solchen Gefährt, aber auch an anderen öffentlichen Orten sitzend, lässt sich während eines bedeutenden Fußballspiels oder während eines halbwegs bedeutenden Premier-League-Spiels dann der Radioübertragung lauschen, die irgendjemand stets mit Sicherheit über sein Handy laufen lässt. Dafür muss man in der Hauptstadt allerdings Luganda verstehen oder zumindest die ständigen Schreie der Kommentatoren richtig deuten können. Wenn man zusätzlich entdeckt, dass die Geräusche im Hintergrund gar nicht die tatsächliche Stadionatmosphäre sondern nur die etwa 3-sekündige Aufnahme eines beliebigen Aufraunens wiedergeben, gehört diese Art, ein Fußballspiel zu verfolgen schon fest zum eigenen Repertoire.

Wechselt man danach vom eher stickigen Kollektivtaxi zum luftigen indischen Motorrad, auf dem man von einem zumeist eher schmalen Mann ohne Helm zum Ort seiner Wahl gebracht wird, beginnt auch das dortige Gespräch am liebsten mit Fußball. Die Frage nach dem Lieblingsverein. Bei mir: immer wieder die Erklärung, was es mit St. Pauli auf sich hat. Die Gegenfrage. Die übliche Gegenantwort: Arsenal, Manchester United (beides häufig) Chelsea, Liverpool (beides selten) Manchester City (noch seltener). Die Gegenantworten der Kenner wirken gleichzeitig wie erste Hipster-Momente: Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Hoffenheim. Wobei ich letzteres selbst nie erlebt habe. Es wurde mir lediglich von einem Freund berichtet, so glaubhaft wie man das einem Deutschen eben erzählen kann.

Gibt man sich selbst dann als solcher zu erkennen, folgt stets ein Loblied auf die Nationalmannschaft wie auf das Land überhaupt. Ich musste daraufhin auch die ein oder andere allzu paradiesische Vorstellung revidieren und sah mich großer Ungläubigkeit ausgesetzt, als ich davon sprach in Deutschland gebe es ebenfalls obdachlose, ja: arme, Menschen. In einem Land, das sich vielerorts am Rande absoluter Armut bewegt, wurde mir die eigentümliche Relativität der Armut erst so richtig bewusst. Die Augen der Leute strahlten über 1000€ Monatsgehalt bis ich anfing über Mietpreise, über Kleidung zu reden. 80€ für ein Trikot? Ich bleibe doch lieber in Uganda. Gut, an dieser Stelle übertreibe ich dann doch ein wenig und spreche sicher nicht für allzu viele Menschen, die aus ebenso bekannten wie verständlichen Gründen ein Leben in Deutschland bevorzugen würden. Eher ist es Deutschland, das sie nicht will und aus der Ferne kaum sieht, obwohl sie doch auf einem der Märkte gerade Bayern München-Trikots anpreisen. Die aktuellste Version zum Bruchteil des üblichen Preises, trotz anders lautender Beteuerungen zweifelsohne gefälscht, durchaus in annehmbarer Qualität: „Guck mal. Da ist ein adidas-Logo drauf. Es ist original.“.

Immerhin ist selbst adidas nicht satirisch genug veranlagt, um auf solcherlei Märkten nach Urheberrechtsverstößen Ausschau zu halten und sie anschließend gerichtlich zu ahnden. Deswegen bleibt eine breite Palette an verschiedensten Trikots aller international bekannteren Teams, verkauft an zahlreichen Ständen. Nach kurzer Akklimatisierung an die äußeren Bedingungen des nur mit Wellblech überdachten Marktes, in dem sich die Menschen um mich und andere, die mir äußerlich ähneln, reißen wie um tatsächlich Berühmte. Welcher Weiße kommt auch schon ohne Geld nach Afrika? Welcher Weiße kennt schon die Preise und verhandelt auch noch darüber? Mit Leuten wie mir rechnen sie jedenfalls nicht, wenn sie das 10-fache des eigentlich üblichen Wertes fordern. Schnell lässt man sich von der fast schon vergessenen Kultur des Feilschens überzeugen. Kurze Momente der Freundschaft entstehen nebst solchen, in denen man sich gegenseitig auslacht, um das Geschäft doch in seine Richtung zu lenken.

Umgerechnet 4€ pro Trikot, mehr darf es nicht sein. Wenn es gut läuft: weniger. Bei meinem bescheidenen monatlichen Budget musste ich mich selbst bei solchen Preisen im Konsum mäßigen, was nicht unbedingt daran lag, dass ich gerne 20 Real Madrid-Shirts besitzen würde, sondern vielmehr an den verborgenen Schätzen, die hier wie selbstverständlich gehandelt werden, den durchschnittlichen europäischen Connaisseur jedoch durchaus in Ekstase versetzen. Es fängt bei Swansea an, zieht sich über die DR Kongo, den Süd-Sudan und Somalia bis zu Tout Puissant Mazembe, Seriensieger der afrikanischen Champions League. Trikots, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie Fälschungen sind, weil man sich nie denken konnte, dass so etwas im Original produziert wird. Plötzlich steht man dann im Herzen des Marktes, umringt von Kleidung, die in Europa oder den USA anscheinend nicht mehr gebraucht wurde und findet und wühlt nach den wirklichen Prachtexemplaren aus der Vergangenheit. Der Übersicht halber eine kurze Liste, was dort so zu finden sein kann oder was die Bevölkerung einfach so auf der Straße trägt:

- T-Shirt zum Abschiedsspiel von Willi Landgraf und Erik Meijer
- Köln-Trikot von Reusch 
- 1860-Trikot mit Hauptsponsor Trenkwalder 
- HSV-Trikot von 1999
- Adidas-Torwarttrikot in hellblau etwa aus den Zeiten Toni Schumachers
- unzählige Ausrüstungsgegenstände deutscher Amateurvereine, von denen man außerhalb des jeweiligen Landkreises noch nie etwas gehört hat
- zwar unsportlich, aber in seiner Ironie dennoch erwähnenswert: T-Shirt vom Trödeltrupp mit Original-Autogrammen. 

Die Frage, wer so etwas denn einfach wegwirft, anstatt es wenigstens Arnd Zeigler zukommen zu lassen, ist obligatorisch, aber wenig zielführend, wenn man bei sich selbst den Schrankinhalt heute mit jenem vor 5, 10 oder 15 Jahren vergleicht. Schweißgebadet, nicht nur wegen des tropischen Klimas, bestellt man sich dann schließlich bei einem Mann, der eine Jacke der Spielvereinigung Erkenschwick trägt, eine Rolex. Nicht etwa vor nun endgültiger Geisteskrankheit, sondern weil Rolex einen beliebten ugandischen Straßensnack bezeichnet .

Wir verstehen kaum ein Wort voneinander bis er irgendwann „Arsno“ sagt und ich grinsend „Özil“ erwidere. Erst wenn man später dieses Innenstadtareal aus der Entfernung betrachtet, wird man erkennen, dass praktisch genau in jenen Markt ein Fußballstadion eingelassen ist. Es fällt einem nicht auf an der Stelle, wo Afrika wirklich Dschungel ist, eben in der Form, in der auch Berlin einer sein könnte. Der Stau als Dauerzustand. Kleinbus an Kleinbus gereiht, ohne Aussicht auf Vorankommen. Menschen, die Dinge durch die Gegend tragen, die man auf ein Mal eigentlich gar nicht transportieren kann. Dazwischen dieses Stadion. Verborgen hinter einem Metalltor, das man kennen muss, um es wahrzunehmen. 

Spätdekadenz äußert sich in einer feierlichen Ausstellung der Trikotsammlung

Ebenfalls leicht verborgen hinter einem, nunmehr von Sicherheitsleuten bewachten, Tor befindet sich der Ort, an dem ich selbst zwei Mal in der Woche spiele auf einem merkwürdigen, steinartigen Platz, der gemeinsam mit einem Pool zum Anwesen der British High Comission gehört. Hier treffen sich die Privilegierten, um doch das gleiche zu tun, was die Menschen anderswo auch tun, aber eben mehr unter sich. Niederländer mit eigenem Geschäft in Kampala, Deutsche von der Botschaft, ugandische und amerikanische Geschäftsleute sowie andere, denen meine Wutausbrüche in bleibender Erinnerung geblieben sein werden. Ich hingegen werde Milos nicht vergessen. Einen Serben, den es als mehr oder weniger professionellen Fußballspieler hierher verschlagen hatte, der stets in mehr oder weniger professionellem Englisch Anweisungen zu geben pflegte und immer ein bisschen mehr und sinnloser dribbelte, als es angemessen war. Er war es auch, der mich eines Abends angetrunken mit mehreren, ihm wohl bestens bekannten, Frauen zusammenführen wollte, was ich gerade noch ablehnen konnte.
 
Wochenends gibt es, wenn man nicht gerade anderes (siehe letzter Satz) zu tun hat, noch zusätzlich eine Art von Nationenturnier auf den Rasenplätzen der internationalen Schule. Schon befindet man sich, ohne es wirklich zu merken oder forciert zu haben, innerhalb einer leicht abseits stehenden Community, für die abgeschottet nur teilweise das richtige Wort ist. Vielmehr zeichnet die darin Befindlichen aus, dass sie sich, glücklich im eigenen Kulturkreis verweilend, zumeist aussuchen können, wann sie etwas und wie viel sie mit der einheimischen Bevölkerung zu tun haben wollen, was den Kontakt, auch gar den freundschaftlichen, nicht ausschließt.

Gewiss nimmt dieses Selbst-Aussuchen-Können mitunter groteske Züge an. Es entsteht gar eine Machtposition, die der aktiven Verteidigung kaum bedarf, weil sie auch von den dadurch Entmächtigten als selbstverständlich wahrgenommen wird – ein koloniales Erbe. Die aus der westlichen Hemisphäre Stammenden, die nur auf Zeit an diesem Ort verweilen, interessiert so etwas wenig und man kann es ihnen kaum nachtragen, so sehr ich es manchmal auch wollte. Bis ich selbst auf dem Balkon einer mehrstöckigen Villa mit dem fünften Rotwein in der Hand stand, ein Hausangestellter mir Fleischspieße anbot. Zwar schaute ich hinab, blickte auf die Gegenden, die zur Abendzeit im Dunklen liegen und beteuerte, dass ich mehr dahin gehöre als hinauf. Doch ich konnte nicht leugnen, dass es mir oben gefiel. Ja, dass ich vermutlich sogar mehr auf einen solchen Balkon zu Hause bin als in einem fremden Leben, egal wie gut ich dieses mittlerweile kannte.

Die deutschen Weltmeisterschaftsspiele wurden so fast schon logischerweise bei Freibier in der Botschafterresidenz begangen oder im Goethe-Zentrum oder bei wohlhabenden Bekannten. Es endete jedenfalls mit Aufpeitschen der vielleicht 100 anderen Zuschauer und Hamburger Haufen im Garten des Deutschen Kulturzentrums. Aber auch nur mit Deutschland-Fahne umgehängt über die Straße schlendernd am nächsten Tag, die Blicke der ugandischen Bevölkerung noch mehr auf sich ziehend, aber auch die Glückwünsche entgegennehmend: ein größeres Konzert von Hupen als es normalerweise selbst hier angemessen wäre, nette Sprüche von anderen Passanten und Verkäufern, „Die Mannschaft“ auf der Titelseite der staatlichen Tageszeitung. 

Blick auf das aus der Nähe unsichtbare Stadion am Owino-Markt

Begonnen hatte es aber auch mit Nächten in Bars bei wie immer viel zu laut aufgedrehter Musik und gesundheitlich bedenklichem Bass. Manchmal auch während der Spiele, als könne man so den Sport besser genießen. Ein paar Wochen zuvor noch der Sieg Liverpools über Manchester City, der mich dazu hinreißen ließ den paar Menschen, die für letztere jubelten, weil sie wohl ihr Geld auf die Citizens gesetzt hatten, ein wenig zu provozieren, indem ich beim Siegtreffer aufsprang, mein Getränk zu Boden fallen ließ und schrie: „Fuck ManCity!“. Dann, als einzige wenigstens ein bisschen interessiert, das Relegationsspiel zwischen dem Hamburger SV und Greuther Fürth. Radioübertragungen der deutschen Vorbereitungsspiele bis zum wahren Höhepunkt um 4 Uhr nachts, dem Duell Elfenbeinküste gegen Japan. Selbst der Besitzer des „Obama's“ (so tatsächlich der Name der Bar) war nicht mehr vor Ort. Die Sicherheitsmänner schauten uns nach dem Spiel beim Verlassen etwas verdutzt an. Offensichtlich wussten nicht einmal sie, dass jemand wahnsinnig genug sein würde, sich so etwas auch noch anzuschauen. Immerhin: Der Fernseher war vorschriftsgemäß abgeschaltet. 

Der restliche Verlauf des Turniers ist bekannt, auch wenn es denkbar lange dauerte, bis die Jungen an meiner Arbeitsstelle eingesehen hatten, dass Deutschland tatsächlich und ohne Zweifel die beste Mannschaft war. Monatelang musste ich mir anhören, dass die Teams mit den besten Indivdualisten auch am erfolgreichsten sein würden. Ronaldo würde Deutschland im Alleingang besiegen, andernfalls sei es Glück. Spätestens bei Messi müsse es passieren, sonst wäre es Ungerechtigkeit. Wie aus Trotz begann ich mich ab diesem Zeitpunkt erst so wirklich mit den taktischen Feinheiten zu beschäftigen, die mich seither nicht loslassen. Der Glaube anderer an den Heroen-Fußball brachte mich also zur Einsicht der Emergenz („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“). Dafür gilt es sich zu bedanken. Trotz der elenden, aber dennoch humorvoll geführten, Diskussionen etwa darüber, ob ein Spieler der beste sei, nur weil er die meisten Tore erzielt habe. Oder ob die erfolgreichsten Mannschaften allein wegen ihres Erfolgs zu unterstützen seien. Die Antwort der meisten: Ja. So wurde auch der Witz eines Freundes, je nach Spielstand bei Kamerun gegen Brasilien das Trikot zu wechseln, nicht weiter beachtet, geschweige denn belacht.

Spätestens auf den Hinterhof-, Sand-, Halb-Sand-Halb-Rasen und anderen Plätzen Kampalas lief es doch auf heroische Momente hinaus, die wenig mit Aristoteles, aber auch wenig mit Guardiola zu tun hatten. Damit musste ich mich weiterhin in der Freizeit beschäftigen. Da nahm schon mancher Arjen-Robben-eske Spieler an denselben Schülerturnieren teil, bei denen auch ich mich bereit erklärte, für die „City Stars“ das Tor zu hüten. Die Vertragsverhandlungen erledigten sich dabei recht schnell, als wir uns kurzerhand doch darauf einigten, dass ich für mein Engagement nichts zu bezahlen hatte, jedenfalls nicht aus eigener Tasche. Die ersten Spiele seit Jahren auf einem großen Feld, kaum Möglichkeiten zu zeigen, dass ich kaum besser bin als die anderen. Aber doch genug Augenpaare, denen ich schüchtern entgegenlächelte. Dann passiert es auch noch, dass ich im Viertelfinale den entscheidenden Elfmeter hielt, nur um den nächsten selbst zu verwandeln. Schon fast leidend wie Boubacar Barry Monate später, trugen mich die Jungs auf Armen durch die Gegend.

Am Ende sind es doch die Taktik-Hipster, die siegen, obwohl sie es gar nicht wirklich wollen. Jedenfalls nicht so. Nach dem 10. Elfmeter hat doch jeder gewusst, in welche Ecke der Gegner schießen wird. Dafür muss man kein Antizipationstorwart sein. Und um einen Elfmeter derart schwach in die Mitte und durch die Beine des anderen Torhüters zu bugsieren, braucht es keine Libero-Fähigkeiten.

Elfmeterheld wider Willen



Sonntag, 25. Januar 2015

In eigenen Worten – Michel Houellebecq: „Unterwerfung“

Es ist eine krude Vorstellung von Realismus, welche die aktuelle Berichterstattung zu Michel Houellebecqs jüngst erschienenem Roman „Unterwerfung“ prägt. Eine merkwürdige Vorstellung von Literatur, eine unhaltbare. Fast wirkt es so, als hätten einige Berichterstatter die Rolle des Literaten missinterpretiert als die eines Hellsehers, der er gewissermaßen auch ist auf menschlicher Ebene, auf Gefühlsebene, aber ganz sicher nicht in Bezug auf eine tatsächlich-physische Welt der Zukunft. Fraglich bleibt obendrein, wie viele derjenigen, die Houellebecq beziehungsweise seinen Roman „islamophob“ schimpfen, ihn überhaupt gelesen haben. Überhaupt diese Annahme von Deckungsgleichheit zwischen literarischem Ich und der tatsächlichen Einstellung des Schreibenden. Ein Mensch, der Teilen der Redaktion von „Charlie Hebdo“ nahestand und -steht wird kaum ein Islamhasser sein. Aber wahrscheinlich ein Amoralist, dem allzu vieles allzu egal ist und den allzu vieles doch allzu sehr quält. Der deswegen möglicherweise kein Vorbild ist, keines sein will. Einen solchen Menschen und seine Werke darf man nicht reduzieren auf rein inhaltliche Ausschnitte (Erst passiert das eine, dann das andere und dann wieder etwas et cetera). Man muss ihn sich schon anhören. In seinen eigenen Worten. Vor allem sollte man nachdenken, bevor man eine gewisse Ablehnung formuliert, über die sich ein Autor oftmals sogar freut im Gegensatz zu moralisch unfehlbaren Journalisten.

Zitate aus „Unterwerfung“ in chronologischer Reihenfolge:
„Allein die Literatur erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre – denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet. Natürlich sind, wenn es um Literatur geht, die Schönheit des Stils, die Musikalität der Sätze von Wichtigkeit. Die Tiefe und die Originalität der Gedanken des Autors sind nicht unwesentlich; aber ein Autor ist zuvorderst ein Mensch, der in seinen Büchern gegenwärtig ist; ob er gut schreibt oder schlecht, ist dabei zweitrangig, die Hauptsache ist, dass er schreibt und wirklich in seinen Büchern präsent ist.“

„Nicht deprimiert, nein, irgendwie schlimmer, du hattest immer so eine Art von anormaler Ehrlichkeit, eine Unfähigkeit, all die Kompromisse einzugehen, die den Leuten letztlich erlauben zu leben.“

„Nach Myriams Fortgang blieb ich über eine Woche lang alleine. Das erste Mal seit meiner Berufung fühlte ich mich nicht einmal imstande, meine Mittwochskurse zu leiten. Die geistigen Höhepunkte meines Lebens waren die Niederschrift meiner Dissertation und die Veröffentlichung meines Buchs gewesen; all das lag mehr als zehn Jahre zurück. Geistige Höhepunkte? Höhepunkte überhaupt? Jedenfalls fühlte ich damals so etwas wie eine Existenzberechtigung. Seitdem hatte ich nur kurze Beiträge für das Journal des dix-neuvièmistes und, seltener, für das Magazine littéraire verfasst, wenn etwas anlag, das meinem Fachgebiet entsprach. Meine Beiträge waren klar, bissig, brillant, im Allgemeinen erfuhren sie Wetschätzung, zumal ich stets pünktlich ablieferte. Aber genügte das als Existenzberechtigung? Inwiefern braucht eine Existenz eine Berechtigung? Sämtliche Tiere und der überwältigende Großteil der Menschen existieren, ohne jemals das geringste Bedürfnis nach eine Berechtigung zu verspüren. Sie leben, weil sie leben, und basta, das ist ihre Denkweise, und sie sterben, weil sie sterben, nehme ich weiter an, womit die Analyse in ihren Augen abgeschlossen ist.“

„Mir lag auf der Zunge, Lempereur zu fragen: 'Sind Sie eher Katholik, eher Faschist oder eine Mischung aus beidem?', aber ich hielt mich zurück, ich hatte lange nichts mit Rechtsintellektuellen zu tun gehabt und wusste nicht mehr, wie man sie anpacken musste.“

„Während die reichen Araberinnen tagsüber die undurchdringliche schwarze Burka trugen, verwandelten sie sich abends in schillernde Paradiesvögel: Mieder, transparente Bhs, Strings mit bunter Spitze und Schmucksteinen, also genau das Gegenteil der westlichen Frauen, die sich tagsüber sexy und elegant kleideten, weil ihr sozialer Status auf dem Spiel stand, abends aber zusammensanken, in unförmige Freizeitklamotten stiegen und beim Gedanken an Verführungsspielchen müde abwinkten.“

„Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und zappte mich durch Doku-Soaps über Fettleibige, bevor ich endlich ganz ausschaltete. Dass Politik in meinem Leben eine Rolle spielen könnte, verwirrte und ekelte mich ein bisschen.“

„Überhaupt kannte ich wenig von Frankreich. Nach meiner Kindheit und Jugend in Maisons-Lafitte, der bürgerlichen Vorstadt par exellence, war ich nach Paris gegangen und immer dort geblieben. Nie hatte ich dieses Land bereist, dessen Bürger ich war, wenn auch bislang eher in der Theorie. Ich hatte es allerdings schon einmal vorgehabt, wie der VW Touareg bewies, den ich zusammen mit den Wanderschuhen gekauft hatte.“

„Manche Sonntage konnte ich glücklicherweise auch einfach durchvögeln – meistens mit Myriam. Mein Leben wäre öde und freudlos gewesen, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit mit ihr gevögelt hätte.“

„Die Kassiererin entdeckte ich in einer Blutlache auf dem Boden, sie hatte die Arme, um sich zu schützen, sinnlos vor die Brust gepresst. Totale Stille. Ich ging zu den Zapfsäulen, aber sie funktionierten nicht, vermutlich wurden sie von der Kasse aus gesteuert. Ich lief zurück, steig widerwillig über die Leiche, entdeckte aber nichts, was dazu dienen konnte, die Pumpen wieder in Gang zu bringen. Nach kurzem Zögern nahm ich mir ein Thunfisch-Sandwich mit Salat, ein alkoholfreies Bier und den Michelin-Hotelführer aus dem Regal.“

„'Wissen Sie etwas über die Hintergründe dieser Aktionen?' 'Es ist genau so, wie Sie es sich denken.' 'Die Identitären?' 'Zum einen, ja. Auf der andere Seite junge Dschihadisten. Übrigens stehen sich damit zwei zahlenmäßig in etwa gleich starke Gruppen gegenüber.' 'Und sie glauben, dass die mit der Bruderschaft der Muslime in Verbindung stehen?' 'Nein.' Er schüttelte entschieden den Kopf.“

„Jetzt ist es an der Zeit für eine gütliche Einigung mit dem Islam, Zeit für eine Allianz, wie ich meine.“

„Was mochte wohl jemand denken, der sein ganzes Leben lang die verborgenen Zusammenhänge im Hintergrund erforscht hat? Wahrscheinlich nichts. Und ich vermutete, dass er nicht einmal zur Wahl ginge; er wusste einfach zu viel.“

„Die Betrachtung von Frauenärschen, dieser kleine träumerische Trost, war ebenfalls unmöglich geworden. Es war also zweifelsohne eine Veränderung im Gange, eine objektive Umwälzung hatte eingesetzt. Zwar ließ auch mehrstündiges Zappen durch die Kabelkanäle keine Rückschlüsse auf weitere Umbrüche zu, aber die Erotiksendungen im Fernsehen waren ja schließlich schon seit Langem aus der Mode.“

„Nur in sehr seltenen Fällen habe ich Escort-Dienste in Anspruch genommen, meistens in den Sommermonaten, um gewissermaßen den Übergang von einer Studentin zur nächsten zu überbrücken; alles in allem wurde ich zufriedengestellt. Eine kurte Internetrecherche zeigte mir, dass die neue islamische Regierung deren Betrieb in keiner Weise beeinträchtigt hatte.“
„Trotzdem, das spürte ich genau, näherte ich mich dem Selbstmord, ohne Verzweiflung oder auch nur eine besondere Traurigkeit zum empfinden, sondern einfach nur deshalb, weil 'die Gesamtsumme der Funktionen, die dem Tod widerstehen', wie Bichat es ausrückt, langsam kleiner wurde. Der einfache Wille zu leben reichte mir offenbar nicht mehr aus, um der Gesamtheit der Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu widerstehen, die das Leben eines durchschnittlichen Westeuropäers begleiten. Ich war unfähig für mich selbst zu leben, und für wen sonst hätte ich leben sollen? Die Menschheit interessierte mich nicht, sie widerte mich sogar an. Ich betrachtete die Menschen keineswegs als meine Brüder, und ich tat es umso weniger, wenn ich einen kleineren Ausschnitt der Menschheit in Augenschein nahm, so zum Beispiel denjenigen, der aus meinen Landsleuten oder meinen ehemaligen Kollegen bestand. Dennoch musste ich wohl anerkennen, dass diese Menschen mir unangenehm ähnelten, dass sie meinesgleichen waren, auch wenn es gerade diese Ähnlichkeit war, die mich dazu veranlasste, sie zu meiden.“

„Hier greift das berühmte Theorem des endlos tippenden Affen: Wie lange müsste ein Schimpanse zufällig auf einer Schreibmaschine herumtippen, um die Werke William Shakespeares entstehen zu lassen? Wie lange würde ein blinder Zufall benötigen, um das Universum wieder entstehen zu lassen? Ganz sicher deutlich mehr als fünfzehn Milliarden Jahre!“

„Der Islam ist die einzige Religion, die in der Liturgie die Verwendung von Übersetzungen verboten hat; weil der Koran vollständig aus Rhythmen, Reimen, Refrains, Assonanzen besteht. Er breuht auf der Idee, der Grundidee der Poesie, einer Einheit von Klang und Sinn, die es ermöglicht die Welt zu erzählen.“

„[A]ber der ganze Artikel war ein einziger Aufruf an seine früheren traditionalistischen und identitären Freunde. Es sei tragisch, bekundete er leidenschaftlich, dass eine irrationale Feindseligkeit gegenüber dem Islam sie daran hindere, die folgende Gewissheit nicht zu erkennen: Sie seien in den wesentlichen Punkten im völligen Einklang mit den Moslems. Was die Ablehnung von Atheismus und Humanismus angehe, die notwendige Unterwerfung der Frau und die Rückkehr des Patriachats: Ihr Kampf sei in jeder Hinsicht derselbe. Und dieser Kampf, der für den Beginn der neuen Etappe einer organischen Kultur notwendig sei, sei heute nicht mehr im Namen des Christentums zu führen; es sei der Islam, die jüngere und wahrhaftigere Schwesterreligion“

„[W]omit Huysmans auch in diesem Punkt allen anderen Menschen glich, denen ihr eigener Tod im Allgemeinen mehr oder minder gleichgültig ist; ihre einzige wirkliche Sorge besteht darin, der körperlichen Qual so weit wie möglich zu entkommen.“

„[I]m Moment fühlte ich mich nicht dazu in der Lage, auch nur einen einzigen der Umschläge zu öffnen; ich war zwei Wochen lang gewissermaßen in Sphären des Ideals befördert worden, hatte auf meinem bescheidenen Niveau etwas erschaffen; jetzt wieder meinen Status als gewöhnliches verwaltungstechnisches Subjekt anzunehmen, das erschien mir etwas hart.“



Freitag, 12. Dezember 2014

Spandau. Oder: Berlin auf der Grenze


Noch lebe ich nicht lange genug in Spandau, um irgendetwas tatsächlich im Detail und ganz genau kennen zu können. Eine Einteilung von Menschen fällt sowieso schwer, wenn man es denn überhaupt mit sich selbst vereinbaren kann, eine solche vorzunehmen. Ungleich schwerer ist es, wenn man allzu viele Menschen oder zumindest ihre Lebensumstände gar nicht einzuordnen weiß. Ein wenig bin ich dazu gezwungen, doch im Grunde werde ich nachfolgend freiwillig etwas schreiben über den Stadtteil, der sich in der Lokalzeitung selbst „Havelstadt“ nennt. Einerseits gerne als richtiger Berliner Stadtteil wahrgenommen werden würde, andererseits seine besondere Stellung nicht oft genug betonen kann. Womöglich ein Ort, an dem die Metropole übergeht in das eher Provinzielle. Eben ein Stadtteil auf der Grenze oder gar, wenn man es auf die bundesdeutschen Begebenheiten überträgt, das „Bayern Berlins“. Die vorangegangen Sätze samt den etwas im Dunkel tappenden ersten Worten mögen als Verdeutlichung meines Anliegens hier dienen. Es soll durchaus ein Hauch von Humor mitschwingen. Jedenfalls in dem Sinne, dass die Ausdrücke und Argumente zur Übertreibung geneigt werden. Ein bisschen Verballhornung des Milieu- bzw. Kiezpatrotismus aus Sicht eines eher Außenstehenden, der ich noch, aber auch nicht in Gänze, bin. Deswegen dieses verfrühte Schreiben, just in dem Moment, da das Einleben noch gar nicht zum Abschluss gekommen ist. Ob es so etwas wie ein komplettes Einleben überhaupt geben kann, ob es überhaupt wünschenswert wäre? Dahingehend rege ich zum eigenen Nachdenken an. Überhaupt richten sich all meine Überlegungen an Leute, die der Reflexion (und damit des Schmerzes) willig sind. Die Adressierung einer imaginären Studierendenschaft wird sich an mancher Stelle allzu übermäßig zwischen den Zeilen bewegen. Doch auch oder gerade Nicht-Jünglinge und Nicht-Jung-Bleiben-Wollende lade ich herzlich zur Lektüre ein, sofern sie nicht bereits von eben dieser meiner jugendlichen Arroganz angeekelt, nur noch ihre Köpfe wunderlich hin und her schwenken.

Gegen gewisse Fragen jedenfalls kann man sich nicht wehren, außer man ist dazu befähigt, konsequent ignorant zu sein und das nicht nur scheinbar. Diese seltene Begabung fehlt mir, was es auch nicht weiter zu bedauern gilt. Eine dieser Fragen und sie könnte auch in dem, was damit hintergründig gemeint ist, der vorherigen Red Bull-Frage gleichkommen: Warum Spandau?
Alleine schon diese Art von Reaktion auf meinen bloßen vorübergehenden Wohnort an sich zwingt mich zur Gegenreaktion. Die nachfolgende Argumentation verlangt analog dazu bereits ein ausgefeilteres Kontern. Dabei tauchen vor allem drei Argumente vermehrt auf, selbstredend in schwächerer oder stärkerer Form.
Zunächst ein mühelos von der Hand zu weisender Einwand basierend auf dem Fakt, dass Spandau innerhalb Berlins nicht gerade zentral gelegen ist. Daraus entstünden, so die jeweiligen Redner, unüberwindbare Nachteile. Selbst wenn man Zentrumsnähe aus durchaus plausiblen Gründen wie etwa der spielerischen Erreichbarkeit der Humboldt-Universität als erstrebenswert erachtet, ergibt sich höchstens ein räumliches, aber in der Regel kein gravierendes zeitliches Problem. Erst recht nicht im Vergleich zu eben räumlich zentrumsnäheren Gebieten. Die Fahrzeiten gestalten sich, etwa bis zum Hauptbahnhof, mit dem Regionalverkehr und selbst mit der S-Bahn menschenwürdig. Man möge es selbst nachprüfen. Nach Kreuzberg braucht es zugegebenerweise etwas länger. Aber da nehme ich bereits das zweite Argument vorweg, dessen Beantwortung sich interessanter ausnimmt. In Spandau sei ja „nichts los“, sagt man mir. Ja, entgegne ich voller Gleichgültigkeit. Will man denn, dass „etwas los“ sei? Anders gefragt: Will man denn ständig in Kreuzberg sein? Wer darauf ohne zu Zögern schallend mit „Ja!“ antwortet, den versuche ich gar nicht weiter zu überzeugen. Derjenige hat seinen Platz in der Welt gefunden, was in mir ein wenig Neid, aber der Endgültigkeit wegen auch etwas Misstrauen verursacht. Alle anderen möchte ich hingegen kurz auf den Gewinn einer möglichen Entscheidungsfreiheit hinweisen, die mit dem Sich-Niederlassen in Spandau einhergeht. Man steht plötzlich vor der Wahl, wann man „mittendrin“ sein möchte, in dem Bereich, wo „was los“ ist und wann man in der Ruhe verweilen möchte ohne drohendes Ungemach. Die Ruhe umfasst auch, abends auf die Straße zu gehen, ohne das man dort eben jemanden treffe, der den eigenen schwachen Charakter ins „Mittendrin“ locken könnte. Stattdessen lässt sich beispielsweise der seit drei Tagen zerschellt im Zentrum des Stadtteils herumstehende Sportwagen betrachten oder eben vereinzelte Gestalten, die entnervt ihren Hund an der Leine herumzerren. Man muss allerdings auch nochmals in Untergruppen zerteilen an dieser Stelle. Diejenigen, die es eher zum „Mittendrin-Sein“ zieht, finden sicherlich reizvollere Gegenden in Berlin. Sofern sie denn eine gewisse Ausdauer beim Suchen einer Unterkunft aufweisen oder schlichtweg von der Muse geküsste Glückskinder sind. Für die eher Ruhebedürftigen, und als ein solcher möchte ich mich ganz unverhohlen preisgeben, bleibt Spandau derweil eine ernstzunehmende Option. Außerdem können sie sich dieselbe Entspannung erlauben wie sie auf dem Spandauer Wohnungsmarkt vorzufinden ist. Das möglicherweise im Vergleich eingesparte Mietgeld fließt derweil in diverse Sinnlosigkeiten, zu denen konsequenterweise auch Literatur oder andere Künste zählen. Es klingt fast wie ein spießbürgerlicher oder konservativer Traum, der sogleich durch Argument Nummer drei infrage gestellt wird: „Die Leute wählen da so komisch“. Eine Aussage, die mir unabhängig vom Inhalt erst einmal aufgrund ihrer Merkwürdigkeit oder Originalität gefällt. Es wäre zu einfach, daraufhin zu entgegen, dass dies aus der umgekehrten Perspektive ebenso auf den Aussagenden zutreffen würde, dass er der „Falschwähler“ sei. Nein, so bequem möchte ich mir das Ganze nicht machen. Für eine bestimmte Art der Bequemlichkeit steht es schließlich schon genug, wenn Menschen, die sich selbst als politisch aktiv bezeichnen, solche Aussagen tätigen. Ich strebe doch zumindest ein wenig gen Veränderung, bin also ungewollt auf einmal eben das: politisch aktiv. In dieser Funktion frage ich ohne Umschweife: Was ist das für ein Politik- und Gesellschaftsverständnis bei denen, die nur unter ihresgleichen bleiben wollen? Politik, die nicht auf öffentliches Verändern, nicht auf das Gemeinwesen aus ist - Das ist nach Wortherkunft gar keine Politik. Was ist es dann? Ein Drängen ins Individuelle, in die Welt persönlichen Wunschdenkens. Also doch raus aus dem „Mittendrin“ ins „Ruhige“, das eben rein äußerlich etwas lauter daherkommt? Getarnter Biedermeier? In jedem Fall ein gewisser Realitätsverlust bezogen auf die mögliche Welt außerhalb des eigenen Milieus. Löst der „Kiezschmerz“ gar den weitläufigeren Weltschmerz ab?

Ich muss mich geradezu selbst abhalten davon, in diesem Fatalismus zu versinken. Stattdessen stellt sich doch intensiver denn je der mögliche Sinn eines solchen Beitrags infrage, weshalb ich aus praktischen Beweggründen nun noch eine potentiell erbauende Nutzung der Umgebung „Spandau“ zu konstruieren versuche.
Die Möglichkeit eines Lebens auf der Grenze, nicht nur geographisch, sondern in einem mehr psychischen oder weltanschaulichen Sinne. Dass man überhaupt derartig zu gewissen Unterscheidungen fähig sein könnte, anstatt im Unendlichen zu vergehen, wo nichts mehr tatsächlich außergewöhnlich erscheinen kann ohne jeden Bezugspunkt. In Spandau hingegen existiert die äußere Welt, die andere Welt, nebenher. Wenn man hinausschaut aus seiner Kammer sieht man nicht bloß seinesgleichen oder Menschen, die in das Leben seinesgleichen passen, sondern gerade auch die Menschen, die man verabscheuen kann. Die Menschen, zu denen man innerlich Distanz aufbauen kann. Menschen, auf die man sich beziehen kann, indem man ihre Lebensweise zwar ablehnt, aber als vorhanden anerkennt. Darauf aufbauend gerade erst die eigenen, welchem Themenbereich auch immer zuordenbaren, Vorstellungen schärft. Sich seiner Selbst deutlicher und konturierter bewusst wird. Darin liegt doch gerade eine Bedeutung des Üblichen, Langweiligen, Kleinbürgerlichen. Zum Demonstrieren braucht man gar nicht mehr hinauszufahren, tut man es doch innerlich täglich. Nebenbei lässt sich noch mit etwas Muße am eigens aufgebauten Freund-Feind-Schema stellenweise rütteln, wenn es plötzlich menschelt zwischen einem selbst und den „einfachen“ Leuten, welche eigentlich die „Anderen“ sind. Durchaus bestünde manchmal die Gefahr, sich in diesem Pragmatismus zu verlieren. Hier schafft das Bild der Grenze Abhilfe, bietet es doch die Möglichkeit wieder in ein anderes Gebilde überzuwechseln, mitunter fließend. Wenn jemand darüber witzelt, dass man Student sei, weil in seiner sozialen Umgebung so etwas nicht vorkommt, bleibt neben dem Innehalten und Erkennen der eigenen besonderen Stellung auch das situative Überwechseln zu seinesgleichen. Es mag durchaus merkwürdig anmuten, gewissermaßen in beiden Welten nur vorübergehend und nie dauerhaft zu sein. Möglicherweise unterscheidet man sich in diesem Punkt aber auch gerade von einer Art der Zeitlosigkeit, bei der freilich nicht mehr vonstatten geht als ein einziges Schweben im Raume. Ohne, dass man auch nur die Richtungen kennen würde, die man von Zeit zu Zeit einschlägt.

Um ein einziges Mal versöhnlich und nicht geheimnisumwoben zu wirken: Lange lässt sich kein Zustand aushalten. Egal wie abwechslungsreich er daherkommt und wie wenig man ihn als solchen erkennt. Nach gewissen Zeitspannen braucht es Veränderungen gegen den Wahnsinn. Der herrscht in ganz Berlin. Der macht die Stadt gewissermaßen überhaupt erst interessant genug, um über sie nachzudenken. Schlagartig wird mir bewusst, wie sehr ich „Zugezogener“ noch am Anfang stehe von alldem. Wie viel weiteres Nicht-Verstehen nötig sein wird, um nur irgendetwas zu begreifen! Was wird es bringen? Möglicherweise nichts. Ich werde mehr obskure Annäherungen vollziehen müssen für die Möglichkeit einer aufgeklärteren Anonymität innerhalb Berlins.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Warum RB? - Eine Annäherung an die Unnahbaren.

Zum ersten Mal begegnet mir in Leipzig das Wort „Kommerz“ auf dem Weihnachtsmarkt. Beiläufig höre ich es eine Frau mittleren Alters aussprechen. Weder wirkt sie besonders zornig noch resignierend. Eben so wie in einem nichtssagenden Gespräch die Dinge zu klingen haben. Es ist das einzige Wort, was ich aus ihrem Mund vernehme. Für alles andere bleibt das Aufeinandertreffen zu flüchtig. Manch einer mag dieser Tage dazu verleitet sein, die ganze Stadt mit diesem einen Wort gleichzusetzen. Die mitschwingende Konnotation ist offensichtlich. Warum RB?

Ich stamme doch aus einem der anderen Lager, in die man gemeinhin die Fußballwelt teilt. Sankt Pauli – Tradition, Stimmung und noch mehr leichtfertig gebrauchte Begrifflichkeiten. Aber eben dieser Tage kein besonderer Fußball, ja: einfach eine minderwertige Form des geliebten Sports. Fast möchte ich sagen: Ein Affront gegen das Gute und Schöne des Spiels. Doch nicht noch mehr Worte, deren Hintergrund zu groß ist, um sie überhaupt zu gebrauchen. Am 23. November 2014 beeindruckt mich RasenBallsport Leipzig in der Kategorie, nach der man sie allzu selten betrachten möchte: sportlich. Wenn eine neue Pressingwelle die starren Strukturen im Aufbauspiel von St.Pauli gleichzeitig locker und intensiv aufbricht, applaudiere ich innerlich. Fast eine Träne verdrückend, warum sich das denn nicht andersherum abspielen könne. Während RB wie ein intellektualistisches Konstrukt wirkt, das man mögen, aber nicht lieben kann, das gewissermaßen leer bleibt, ist St. Pauli das genaue Gegenteil, nämlich eine rein emotionale Angelegenheit voller Liebe, aber mit geringsten Möglichkeiten, rational zu gefallen. RB ist der Handelnde, St. Pauli der Verhaltene, der nur noch auf dem bereits Vorhandenen kniet, wo der andere bereits zweckdienlich Neues vorantreibt. Tradition, möchte man meinen, ist konservativ, wenn nicht gar reaktionär. Am besten solle etwas doch wieder so werden, wie es nie gewesen ist, wäre die überspitzte Formulierung. Aber auch sog. „Linke“ neigen eben zu einem gewissen Konservatismus, beispielsweise wenn sie wörtlich bei Marx verharren, statt ihn als vielfach widerlegten Ausgangspunkt aktueller Kritik zu gebrauchen. Die Abwesenheit von traditionellen Denkweisen ist nicht mit Geschichtsvergessenheit gleichzusetzen. Übertragen auf den konkreten Sachverhalt heißt das: RB ist ein Produkt der Entwicklung des Fußballs, auf die mit diesem Projekt reagiert wird. Ohne geschichtlichen Bezug wäre dies schlicht unmöglich. Etwas, das hingegen als reine Tradition fortbestehen will, generiert keinerlei Fortschritt und danach, ganz gleich wie sehr wir uns das eingestehen möchten, trachtet doch jeder Fußballverein gewissermaßen. Wenn man besser sein will als die Konkurrenz, muss man in irgendeinem Bereich einfach innovativer beziehungsweise anders vorgehen als eben diese. Fußball ist, nicht nur der gigantischen Vermarktungsmaschinerie wegen, gelebte Marktwirtschaft. Da hilft, taktisch gesprochen, kein passives Verharren auf dem Dogma des 4-4-2. Neue Wege müssen eingeschlagen, andere Spielphilosophien erprobt werden. Dass man dabei scheitern kann und zwischenzeitlich ganz sicher verzweifeln wird, ist unvermeidbar. Doch im Gegensatz zum bloß traditionell-unreflektierten Weitermachen schlüpft man in die Rolle eines Handelnden, der zumindest die Möglichkeit dazu hat, es besser zu machen und sich abzusetzen. Das ein eher genereller Exkurs gegen das Gespenst der reinen Tradition, das im Fußball nur allzu gerne umgeht. Wer sich mit diesen Prinzipien des Geschäftes Fußball nicht abfinden will, solle sich abwenden. So gerne ich kritisiere: Es ist mir nie gelungen. Es wird mir nicht gelingen. Es gibt da keine systematischen Unterschiede zwischen den Vereinen. Die einen sind erfolgreicher und werden es auch bleiben, wenn sie ihre Vorteile nicht allzu leichtfertig entäußern. Die anderen sind weniger erfolgreich und werden es tendenziell ebenso bleiben, wenn sie es nicht schaffen, sich gewisse Vorteile zumindest kurzfristig zu erarbeiten. Gemessen werden sie alle trotzdem auf einer gleichen Skala. Nur weil ich Anhänger des FC St. Pauli bin, bin ich weder ein moralischeres Wesen als der Stadiongänger von RB Leipzig noch als derjenige von Bayern München. Trotzdem käme niemals ein anderer Verein als wirklicher Ersatz infrage. Das liegt einfach an jenem emotionalen Faktor. Daran, dass ich mich im Millerntorstadion ein wenig wie zu Hause fühle. Aber auch am bloßen Zufall, zu einer gewissen Zeit an dem und dem Ort gewesen zu sein oder die und die Leute getroffen zu haben. Trotzdem sollte ich nicht davon abgehalten sein, einen anderen Verein und vor allem dessen Spielweise zu mögen und wertzuschätzen. Meine emotionale Bindung gebe ich ja durch diese rationalere Beziehung keineswegs auf. Natürlich wird auch da ein gewisses emotionales Moment manchmal unvermeidbar, doch wird es jenes der Bindung niemals überbieten können. Wenn beispielsweise eine Mannschaft Pep Guardiolas gegen St. Pauli spielen würde, würde ich ihm trotz meiner ehrlichen Bewunderung nichts als eine Niederlage wünschen und sie herbeisehnen. Vermutlich könnte ich gar beten, ohne dass es etwas bringen würde.

Zurück in Leipzig ist es selbst nach einem Spaziergang durch die Stadt mit ihrer allgemein anerkannten Ansehnlichkeit noch zu früh, um direkt zur Red Bull Arena zu schreiten. Deswegen gehe ich noch etwas weiter die Hauptstraße hinunter, Richtung Trainingszentrum. Der Jugendleiter meines Vereins bekam einmal die Gelegenheit, es zu besichtigen. Danach sprach er sinngemäß von einem „Himmel“ für Jugendspieler. Ein Himmel im Aufbau wie sich mir schnell offenbart, als ich die äußerliche Fassade auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblicke. Die Baustellenfahrzeuge stehen nur still, weil heute Sonntag ist. Die Trainingsplätze hingegen glänzen bereits und deuten an, wie eines Tages erst der tatsächliche Gebäudekomplex erstrahlen wird. Schreie, die nur von einem Fußballspiel oder -training stammen können, werden vernehmbar. Sie kommen nicht von RB Leipzig. Deren heute nicht besonders zahlreichen Nachwuchsspieler laufen lautlos über den Sportplatz. An ihn grenzt ein weiteres Gelände, das nicht dem Konsortium gehört, sondern den Amateuren vom BSV Schönau 1983. Was sie vom Projekt RB Leipzig halten, weiß ich nicht. Ich frage auch nicht nach, sondern schaue mir die letzten Minuten eines schätzungsweise C-Jugend-Spiels an. Ihr Trainer brüllt unnachgiebig, meist eher sinnlos („Geh doch mal rauf da!“). Trotzdem werde ich Zeuge eines historischen Moments, als der Spieler mit der Nummer 10 den Ball aus spitzem Winkel, etwa 20 Meter vom Tor entfernt, in den Winkel befördert und niemand, sofern er auch nur das entfernteste mit dem BSV Schönau 1983 zu tun hat, sich der Begeisterung und den Jubelschreien entziehen kann. Gerne wäre auch ich auf das Feld gelaufen und hätte mitgefeiert. Aber nach nur zwei Minuten des Zuschauens wollte ich mich dann doch nicht zum Erfolgsfan machen lassen.

Schließlich lande ich, gestärkt von diesem kleinen Zwischenspiel, doch noch in der Red Bull Arena, die bis auf die zwei, drei übergroßen Markenlogos gar nicht so sehr danach aussieht. Zumal drumherum noch geschichtsträchtige Überreste an die Zeiten des alten Zentralstadions erinnern. Diese WM-Arena, so halte ich es für mich ohne Umschweife fest, ist bundesligatauglich. Wenn man die Bundesligatauglichkeit eines gesamten Vereins daran festmachen wollen würde, so hätte er die Kriterien problemlos erfüllt, im Gegensatz etwa zum SC Paderborn 07 oder zum heutigen Gast, dem FC Ingolstadt 04. Wenn die Sache nur so einfach wäre. Mir fällt die Ruhe dieses Stadiongeländes unvermittelt auf. Kenne ich das normalerweise nicht lauter? Zugegeben: Bis zum Anpfiff dauert es noch eine gute Stunde, die ich beginne mit Currywurst (im Vergleich zu anderen Stadien sehr gut und reichhaltig, das will ich nicht unterschlagen) und Red Bull (Welch Wunder – günstiger als in anderen Stadien, aber immer noch teuer) zu überbrücken. Währenddessen erlaube ich mir die Frage, die sich die ganze Zeit schon stellt, wieder ein wenig anders zu beantworten. Die ruhige Atmosphäre hilft dabei, ohne Zweifel. Es ist, wenn ich ein bisschen übertreiben darf, ein fast schon literarisches Motiv, das mich neben dem Interesse am Fußball und seinen Begleiterscheinungen hierher zieht. An einem Ort zu sein, an dem man lediglich Gast ist und es zeit seines Aufenthalts bleibt. Wo die Gefahr, wirklich fremd zu werden, nicht bestehen kann, da man ohnehin nicht wirklich wahrgenommen wird. Kurzum: Ein wenig wohltuende tatsächliche Anonymität gegen das Alltägliche, das zwar auch oftmals anonym ist, aber eben auf eine andere Art. RB allerdings ist kein Gast. RB ist ein Fremdkörper. Egal wie sehr sich der Verein bemühen wird, egal wie viel er besser macht als manch anderer, wie viel er vielleicht auch an sich selbst verändert: Er wird kurz- bis mittelfristig niemals ein intimer Teil der Bundesligafamilie sein, die sich eben doch nicht nur aus formaler Ligazugehörigkeit ableitet. Um in diesem Themenkomplex zu bleiben: RB haftet gleichfalls etwas Kosmopolitisches an mit Schwestervereinen in Salzburg und New York. Nicht dass die anderen Vereine etwas Vegleichbares nicht hätten. Auch sie schließen gerne Kooperationsverträge ab oder eröffnen Büros in New York. Doch bei RB ist dieses Prinzip auf den Kopf gestellt. Dem Zusammenschluss ist keine Entwicklung vorausgegangen, aus der diese Entscheidung folgte, sondern es verhält sich genau gegenteilig. Anders formuliert: RasenBallsport Leipzig braucht die Bundesligafamilie womöglich gar nicht, weil der Verein seine eigene Familie im Rücken hat. Diese ist, das wissen wir alle, vor allem abhängig von einem Geldgeber, dessen Hauptberuf früher einmal Brause gewesen ist. Heute scheint es Extrem- und Erlebnis- und überhaupt Sport zu sein, vor allem die Vermarktung dessen. Schließt sich da nicht auf ironische und ausufernde Weise der Kreis zu den englischen Teams des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die von Bierbrauern gegründet und finanziert wurden? Dass Red Bull den Leipziger Verein zu Marketingzwecken benutzt, liegt auf der Hand. Dass das Unternehmen Erfolge voraussetzt ebenfalls. Mittlerweile ist das Projekt in einem Stadium angelangt, wo letzteres in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint, so dass ein wirkliches Scheitern und somit auch ein plötzliches Abspringen des Investors unwahrscheinlich wirkt, wenn auch nicht völlig unmöglich. Aber noch mal: Auch andere Vereine sind enorm abhängig von Geldgebern, auch von einzelnen, namentlich den Hauptsponsoren. Diese streben genauso ein öffentlichkeitswirksames Marketing an. Ihnen gelingt genauso gut eine unterschwellige Manipulation. Wie anders lässt es sich erklären, dass mich zum Beispiel eine Werbung der DBV-Winterthur, die an einem S-Bahnhof in Berlin hängt, schlagartig zur Aufmerksamkeit zwingt, obwohl das Unternehmen bereits seit einigen Jahren nicht mehr Hauptsponsor des Bundesligisten 1. FSV Mainz 05 ist? Die DBV-Winterthur war mir im Gegensatz zu Red Bull vor dem Engagement im Fußball nicht bekannt. Der Effekt scheint also noch um einiges größer gewesen zu sein. Nun ja: Durch die Unbekanntheit ist das Potential in diverse, auch negative, Richtungen nahezu unbegrenzt. Trotzdem kann ein Partnerschaft für den österreichischen Konzern ebenso positive Effekte erzielen, sonst wäre es betriebswirtschaftlicher Unsinn und diese Kategorie ist bekanntlich nicht ganz unwichtig in derlei Zusammenhängen. Um das Maximum herauszuholen, geht man dann prinzipiell die gleichen Wege wie andere, aber man reizt sie aus, muss dies praktisch tun, kann es aber auch. So lange es keine absolute Grenze gibt. Ich jedenfalls sehe diese nicht, wenngleich definitiv ein paar sinnvolle Regularien bestehen, die milliardenschwer jedoch nicht das Hindernis darstellen, was ursprünglich wohl einmal angedacht war.

Als ich den beiden Mannschaften etwas gedankenverloren beim Aufwärmen zuschaue, erheben sich wie aus dem Nichts einige Gesänge aus dem südlichen Bereich des Stadions, der nun nahezu gänzlich voll zu sein scheint. Um mich herum sitzen auf einmal genug Leute, um die Tribüne mit etwas Leben zu füllen. Sogar Fahnen schwenken sie drüben. Die Ruhe hat ein Ende, auch wenn eine gewisse Dämpfung bleibt. Besonders einfallsreich sind die meisten Gesangseinlagen zugegeben nicht: „Gebt mir ein R, gebt mir ein B, gebt mir ein L...RBL...“. Immerhin werden sie das ganze Spiel über durchgehalten, mal leiser, mal lauter. Manchmal von allen besetzten Tribünen aus gleichzeitig. Sogar Humor beweisen die Singenden, das darf nicht unerwähnt bleiben: „Wir sind Schweine, Rote-Bullen-Schweine, zahlen keinen Eintritt...“. Von 44.345 Plätzen bleiben etwa 20.000 leer, was nicht nur an den Leipzigern, sondern in fast gleichem Maße an den Ingolstädtern liegt, die irgendwo auf einem Oberrang mit knappen hundert Leuten stehen und ein kleines Fähnchen schwingen. Manchmal meint man ein für die Anzahl der Leute doch ziemlich lautes „Spitzenreiter! Spitzenreiter!“ herauszuhören. So etwa nach dem Führungstreffer, der auch das einzige Tor des Tages bleiben wird. Ja, auch das hochgelobte rationale Pressing kann Fußballspiele zerstören, wenn beide Mannschaften es extrem auszuüben wissen, aber keine entsprechenden Reaktionen im Spielaufbau zeigen können außer langer Bälle. Gerade in der ersten Halbzeit wirkt Ingolstadt noch etwas konsequenter im Druckaufbau oder Leipzigs Spielaufbau ist einfach schwächer. Je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Alexander Zorniger jedenfalls, der Cheftrainer von RB, hat die Probleme bei eigenem Ballbesitz unlängst aufgegriffen, wie er im Interview mit der FAZ vom 07.12.2014 anklingen lässt. Wenn sie auch das noch lernen, es könnte beängstigend ansehnlicher Fußball werden. Noch schleichen sich im konkreten Spiel jede Menge überemotionaler Momente ein, die das Geschehen bekanntlich genauso in Richtung Destruktion treiben können. Verletzungen und Diskussionen sind die Folge. Vor allem aber die Einsicht, dass es bei RB keine grundlegend andere, das heißt: keine fairere, Fankultur gibt. Das Publikum beschimpft den Schiedsrichter so laut es nur kann, pfeift, als sei dies eine Genugtuung und der junge Mann, nur situativ unsicher und selten wirklich fehlerhaft, kann dem neutralen Betrachter regelrecht leidtun. Ob sie sich nun aufregen aus einer wirklichen Emotionalität heraus oder weil es Konvetion in Fußballstadien ist, vermag ich nicht zu beantworten. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass zu vieles in diesen Belangen einfach die bestehenden Strukturen zum Vorbild hat und man sich kaum traut, einen tatsächlich anderen Weg einzuschlagen. Obwohl man die Freiheit dazu allemal hätte und sie sich nehmen könnte, da man ohnehin wenn nicht gehasst, dann zumindest kritisch beäugt wird. Warum nicht zeigen, dass der Fortschritt zu einem humaneren Fußball trotz Red Bull möglich ist? Das sind Träumereien, ich gebe es zu. Für mich bleibt vorerst das Bild eines Vereins, der die Dinge in den meisten Belangen oberflächlich betrachtet ähnlich angeht wie der Rest der Branche – in der (taktischen) Spielerausbildung beispielsweise aber einfach den Mut und die Mittel hat, etwas konsequenter zu agieren, im Bereich der sich gerade erst formierenden Fanszene den anderen aber weiterhin hinterherlaufen wird, wenn dort nicht auch ein wenig Drang zur (geistigen) Innovation Einzug hält.
Vor dem Verlassen der Stadt begegne ich noch vier Jungen, die lauthals und immer wieder „RBL!“ skandieren. Eine junge Dame schaut, als sie vorbeigezogen sind, fragend zu ihrem Freund hinüber: „Wie dumm sind die denn?“

In mir bleibt der häufig genug thematisierte Zwiespalt zwischen der Emotion und der Rationalität zurück. Desillusionierung mit vereinzelten romantischen oder wenigstens anerkennenden Augenblicken. Vieles ließe sich noch anfügen. Als Einstieg in eine ernsthafte Debatte, die weniger populistisch und ängstlich daherkommt, mag das bis hierhin Geschriebene hoffentlich dennoch dienen. Jedenfalls lohnt sich eine weitere Beobachtung von RB Leipzig allemal – interessant wird es so oder so. Ob nun früher oder später...